Sinnvolle Reformen
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Sinnvolle Reformen

Im Elternhaus werden mehr Bildungsweichen gestellt als in allen weiteren Bildungsinstitutionen.

Eindringlich appelliert Herbert Weiß an die Regierung, endlich den Mut aufzubringen, Eltern an ihre hohe Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Kinder zu erinnern.

In meinen über fünfzehn Jahren in einer Spitzenfunktion der AHS-Gewerkschaft wurde ich mit vielen Reformvorhaben konfrontiert. An zahlreichen haben wir mitgearbeitet, um aus oft wenig durchdachten, untauglichen Entwürfen Praxistaugliches werden zu lassen. Wir konnten Schulen und Lehrer:innen vor vielen Ideen bewahren, die für sie nur mehr Belastungen und keine Verbesserungen gebracht hätten. Ebenso wie bei den zahlreichen über die Medien verkündeten „Innovationen“ unseres derzeitigen Bildungsministers hatte man den Eindruck, dass die „Expert:innen“, die dafür verantwortlich waren, von der Schulrealität keine Ahnung haben.

„Innovative“ schulpolitische Ideen tauchen wie das Ungeheuer von Loch Ness immer wieder aus der Versenkung auf. Oft ging es in den letzten eineinhalb Jahrzehnten um Strukturreformen, die das Blaue vom Himmel versprachen. Als Beispiel nenne ich die Einführung der Gesamtschule für alle Kinder bis 14 oder die sechsjährige Volksschule, die de facto eine Verlängerung der Gesamtschule bis 12 wäre.

Ideen von gestern und vorgestern taugen nicht ansatzweise dafür, Österreichs Schulwesen bei der Bewältigung der massiven Herausforderungen von heute zu unterstützen. Dass Gesamtschulen weder die Leistungsfähigkeit der Schüler:innen noch die Chancengerechtigkeit eines Bildungswesens verbessern, belegen Studien eindrucksvoll. Manch hochgelobtes Gesamtschulland wäre froh, käme das Schulsystem mit den Herausforderungen, die sich z. B. aus Migration ergeben, zumindest so zurecht, wie dies unserem Schulwesen trotz allen Ressourcenmangels gelingt.

Wer die Chancengerechtigkeit in unserem Bildungssystem verbessern will, muss sich eingestehen, dass die Schule nicht alle Defizite, die vor und außerhalb von ihr entstehen, lösen kann, und viel früher ansetzen. Ich plädiere für Frühförderung und Elementarbildung auf höchstem Niveau.

Ein verpflichtendes Kindergartenjahr allein reicht dafür bei weitem nicht aus. Andere Staaten haben im Bereich der Elementarbildung im Lauf der letzten Jahrzehnte weit größere Fortschritte erzielt – nicht nur quantitativ, sondern auch dadurch, dass Maßnahmen gezielt gesetzt werden, statt dem Prinzip „one size fits all“ zu huldigen. Es geht darum, Defizite von Kindern so früh wie möglich zu entdecken, um sie nicht zu groß werden zu lassen. Es geht darum, alle Kinder vor Eintritt in die Schule sprachlich so fit zu machen, dass sie dem Unterricht gut folgen können. Gleichzeitig sollen die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Elternhäusern gestärkt werden, damit ihr Potenzial nicht ungenutzt bleibt.

Österreichs Regierung muss aber endlich auch den Mut aufbringen, die entscheidende Rolle der Eltern beim Gelingen von Bildung und ihre diesbezügliche Verantwortung stärker zu betonen. Im Elternhaus werden mehr Bildungsweichen gestellt als in allen weiteren Bildungsinstitutionen. Diese bildungswissenschaftliche Erkenntnis mag unbequem klingen, sie zu betonen, ist nicht populär. Wer aber wirklich für mehr Chancengerechtigkeit sorgen möchte, wird nicht länger einen Bogen um sie machen dürfen, wird Eltern an ihre hohe Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Kinder erinnern und sie dabei bestmöglich unterstützen müssen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

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