Stopp der berufsimmanenten Selbstausbeutung
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Stopp der berufsimmanenten Selbstausbeutung

Idealismus trifft Überlastung: Wie das Schulsystem Engagement ausnutzt.

Der Beruf der Lehrer:innen ist seit jeher von Idealismus, Verantwortungsgefühl und intrinsischer Motivation geprägt. Paradoxerweise lebt das System genau von diesen Qualitäten – und nutzt sie gleichzeitig strukturell aus. Der Begriff der systemimmanenten Selbstausbeutung beschreibt ein Phänomen, das vielen aus dem Schulalltag vertraut ist, aber selten offen benannt wird.

Die Ursachen sind vielschichtig. Da sind zunächst die strukturellen Faktoren: eine stetig wachsende Fülle an Aufgaben jenseits des Unterrichts – Korrekturen, Elternkommunikation, administrative Pflichten, Planungen von Schulveranstaltungen oder soziale Arbeit, die oft unklar zugeordnet ist. Hinzu kommt die fehlende Trennschärfe zwischen Arbeits- und Freizeit, die durch mobile Endgeräte, flexible Kommunikation und ständig neue Anforderungen weiter aufgeweicht wird. Über all dem schwebt eine hartnäckige Erwartung: Gute Lehrer:innen tun immer mehr, als sie müssen. Diese Struktur wird durch psychologische Mechanismen verstärkt: Wer den Beruf als Berufung sieht und sich mit der Schule identifiziert, empfindet rasch Schuldgefühle, wenn er oder sie „nur das Nötigste“ macht.

Und das System? Es profitiert. Solange Lehrkräfte strukturelle Defizite durch unbezahlte Mehrarbeit kompensieren, besteht wenig Druck, Reformen tatsächlich umzusetzen. Bürokratische Steuerung gewinnt gegenüber pädagogischer Freiheit die Oberhand, und außerdem lässt sich ein unterfinanziertes System deutlich leichter stabilisieren, solange jene, die es tragen, sich selbst überlasten. Die Folgen für Lehrkräfte sind deutlich sichtbar: Manche sind im Burnout, andere gehen früher als geplant in Pension oder verlassen den Beruf ganz – mit spürbaren Auswirkungen auf Unterrichtsqualität und Beziehungsarbeit.

Der notwendige Wandel besteht darin, den Mythos der aufopfernden Lehrer:innen durch ein Bild nachhaltiger Professionalität abzulösen: engagiert, aber nicht selbstzerstörerisch. Am Ende geht es nicht um weniger Einsatz, sondern um bessere Bedingungen für gute Bildung. Denn eines ist klar: Wer das Feuer der Bildung am Brennen halten will, darf sich selbst nicht als Brennstoff verwenden.