Ideologische Scheuklappen endlich abgelegt?
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Ideologische Scheuklappen endlich abgelegt?

Bis vor nicht allzu langer Zeit wollten viele uns Lehrer:innen weismachen, dass die Umgangssprache keinen Einfluss auf den Schulerfolg hat.

Ob die Politik nun aufgrund des Zuspruchs, den rechte Parteien gewinnen, oder aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, die so lange verdrängt wurden, umdenkt, wage ich nicht zu beurteilen. Tatsache ist jedenfalls, dass man in jüngster Zeit der Deutschförderung einen größeren Stellenwert einräumt, als das noch vor wenigen Jahren der Fall war.

Im aktuellen Regierungsprogramm findet man dazu unter anderem die „Weiterentwicklung der Deutschförderklassen auf Grundlage bestehender Evaluierungen im Rahmen der Schulautonomie mit zentraler Erfolgsmessung und Ausbau sämtlicher Deutschfördermaßnahmen.“ (1) Verbunden mit den beiden Vorhaben, die Schulautonomie zu stärken und die Frühförderung zu forcieren, klingt das für mich auf den ersten Blick sehr vielversprechend. Immerhin hat man lange Zeit Deutschförderklassen verteufelt und bei der Integration in die Regelklassen die außerordentlich hohe Zahl von Kindern, deren Umgangssprache nicht Deutsch ist, in vielen unserer Schulen ignoriert. In Österreich liegt der Anteil der 15-Jährigen, deren Umgangssprache nicht die Unterrichtssprache ist, mit Stand 2022 bei 24,9 %. Das ist ein mehr als doppelt so großer Anteil wie im OECD-Durchschnitt. (2). Bei Österreichs Volksschüler:innen ist dieser Anteil bundesweit sogar schon auf 32,3 % und in Wien auf 60,0 % gestiegen (3). Spätestens bei derartigen Anteilen sollte jeder erkennen, dass das viel zu lange empfohlene „Sprachbad“ als Weg zum Erlernen der deutschen Sprache nicht funktionieren kann.

Vollmundige Regierungsprogramme hatten wir genug. Die positive Weiterentwicklung unseres Schulwesens braucht nun Taten. Dabei darf nicht wie in vielen früheren Fällen die Schulautonomie als Tarnmantel für fehlende Ressourcen missbraucht werden. Es braucht massive zusätzliche Investitionen in die frühkindliche Bildung und das Schulwesen.

Die enormen Probleme im Integrationsbereich dürfen nicht nur dazu dienen, den Familienzuzug einzuschränken. Ihre Lösung muss endlich angegangen werden. Dafür muss Österreich aus meiner Sicht von der EU unterstützt werden, da unser Land im Bereich Migration und Integration nachweislich besonders große Aufgaben zu bewältigen hat.

  • Jetzt das Richtige tun für Österreich, Regierungsprogramm 2025 - 2029, Seite 186.
  • Quelle: OECD (Hrsg.), PISA 2022 Database, Table II.B1.7.9.
  • Quelle: Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2022/23. Tabellenband (2024), Tab. 1.4.6.1.1.

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