In seinem heutigen Edit erklärt Georg Stockinger, warum er dem „Nachhilfebarometer“ der Arbeiterkammer mit Skepsis begegnet.
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie regelmäßig zum gleichen Zeitpunkt einem alten Bekannten über den Weg laufen, dieser dann aber unerwarteterweise nicht auftaucht? So ist es mir am Ende des letzten Unterrichtsjahres mit dem „Nachhilfebarometer“ der Wiener Arbeiterkammer (1) gegangen, das seit 2010 fast jedes Jahr pünktlich zu Schulschluss erscheint.
Erst Mitte August war klar, dass sich der Bekannte nur verspätet hatte: Rechtzeitig vor Schulbeginn veröffentlichte die AK Wien ihr „Nachhilfebarometer ´26“, eine Interpretation der einschlägigen IFES-Befragung. (2) An der Seriosität der hochgerechneten Daten zweifle ich nicht. Problematisch erscheint mir jedoch die Auslegung durch die Arbeiterkammer und die weitgehend unkritische Übernahme ihrer Botschaften durch Medien und Politik.
Die mediale Kurzbotschaft lautete „Jedes dritte Schulkind braucht Nachhilfe“, und „Gesamtausgaben für Nachhilfe liegen aktuell bei 143,8 Millionen Euro“ (2). Das klingt alarmierend und veranlasste auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr zu der am 29. August 2026 in der „Presse“ zitierten kritischen Aussage: „Es ist natürlich ein schlechtes Zeichen, wenn die Ausgaben für Nachhilfe so stark steigen.“
Doch nicht immer passen die negativen Schlüsse der AK zu den von IFES erhobenen Fakten, wie man selbst nachlesen kann – gerne auch in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „gymnasium“.
Ein Beispiel: Laut Studie wurden im letzten Schuljahr 2025/26 pro Schüler:in und Monat durchschnittlich rund 11 Euro für „Nachhilfe“ ausgegeben. 16 Jahre davor waren es laut der AK rund 10 Euro. Berücksichtigt man die Inflation von rund 70 % in diesem Zeitraum, müssten die durchschnittlichen Kosten heute bei etwa 17 Euro liegen, um kaufkraftbereinigt gleich geblieben zu sein.
Die IFES-Zahlen belegen somit in den letzten 16 Jahren de facto einen Rückgang der „Nachhilfekosten“ von rund 35 % bzw. etwa 50 Millionen Euro. Zwischen 2015 und 2016 hat die IFES-Studie sogar einen nominellen Rückgang der Kosten um rund 9,5 Millionen Euro (ca. 8%) ausgewiesen, was von der AK allerdings nicht kommentiert wurde.
Vielleicht titeln daher Arbeiterkammer und Bildungsministerium im kommenden Jahr folgerichtig: „Die Ausgaben für Nachhilfe sind deutlich gesunken. Was für ein gutes Zeichen.“
(1) Arbeiterkammer Österreich (2026): AK-Nachhilfebarometer 2026. Online verfügbar unter: https://www.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeitundsoziales/bildung/AK-Nachhilfebarometer_2026.html (Zugriff: 11.09.2026).
(2) Aichholzer, J. und Brenn, A. (2026): Nachhilfe in Österreich 2026. Studienbericht. Hrsg. von Elke Larcher und Daniel Schönherr. Wien: Verlag Arbeiterkammer Wien. Verfügbar unter: https://wien.arbeiterkammer.at/service/presse/Nachhilfebarometer_2026.pdf (Zugriff: 11.09.2026).
